(Universum 5)

Mittags, die Sonne scheint. Doch unvermittelt legt sich der Wind. Das Licht schwindet, die Landschaft verdunkelt sich. Das Surren der Insekten verstummt, die Vögel hören auf zu singen - eine unheimliche Stille ergreift alles. Statt der Sonne steht eine schwarze Scheibe am Himmel.

 

Sonnenfinsternis 16. August 2026 (Mallorca, Photo: Ploder)

 

Die Menschen erschrecken. Ist die Welt aus den Fugen geraten? 

 

Wenn die Sonne verschwindet: Furcht wird zu Wissen und Macht

Wer Sonnen- oder Mondfinsternisse voraussagen konnte, wusste um Geheimnisse des Himmels, vielleicht war er sogar im Bunde mit den Göttern. Damit hatte er Macht über Menschen. Babylonische Astrologen konnten Finsternisse voraussagen, aber auch die Inka- und Maya-Priester. Die antiken Griechen gingen sogar einen Schritt weiter. 

1901 hoben Archäologen aus einem Wrack im Mittelmeer Teile eines Mechanismus, der Kalenderzyklen, Sonne, Mond und Bewegungen der damals bekannten Planeten anzeigt. Auch Sonderereignisse wie Finsternisse konnte dieses Gerät im Voraus berechnen. Das feinmechanische Gerät von hoher Raffinesse erhielt den Namen Antikythera-Mechanismus.

 

Zahnräder am Himmel: Der Mechanismus und die Idee des Kosmos

Ein interdisziplinäres Forscherteam kommt in der aktuellsten Gesamtsicht zu diesem Phänomen zum Schluss: Dieser Mechanismus „enthüllt eine geniale Kreation – Zyklen Babylonischer Astronomie werden kombiniert mit Mathematik aus Platons Akademie und altgriechischen astronomischen Theorien“.1

 

 

Von griechischen Philosophen wissen wir wenig; die meisten Texte, vor allem der vorsokratischen Naturphilosophen sind verloren gegangen. Philologie und Philosophie müssen Texte interpretieren, die oft nur fragmentarisch erhalten blieben. Das ist angewandte Soft Sciene, unbestreitbar äußerst wichtig, aber doch eine Art von Evidenz, die mit Vermutungen angereichert ist.

Nun aber sehen wir einen Mechanismus aus der Antike mit einem Alter von etwa 2.300 Jahren vor uns. Ein in dieser feinmechanischen Komplexität überraschendes Wunderwerk. Ein Gerät, das nicht nur die Zeit misst, sondern Zusatzfunktionen wie astronomische Indikatoren aufweist. In der Uhrenindustrie heißt so etwas Komplikation. 

Solche Komplikationen wurden erst wieder ab dem 16. Jahrhundert gebaut. Wir sehen angewandte Technik, also Hard Science, eine ergänzende Art von Evidenz, die auf empirischen Daten beruht. Texte überliefern Begriffe und Argumente; ein Artefakt wie dieser Mechanismus belegt materielle Konstruktion und technische Verfahren. Beides zusammen liefern besser gesicherte Erkenntnisse.

Wie sehen diese Erkenntnisse aus? In jedem Lexikon steht, dass das das Wort Kosmos (κόσμος) aus dem Altgriechischen kommt und ‚Ordnung‘ oder ‚die Welt als geordnetes Ganzes‘ bedeutet. Kosmos ist die Natur aller Dinge; der Himmel miteingeschlossen. 

 


Schema der geborgenen und rekonstruierten Zahnräder (Quelle: Freeth et al., 2021)

Der Himmel gleicht einem komplizierten, aber rational erfassbaren Uhrwerk, so die Auffassung griechischer Naturphilosophen, realisiert im Antikythera-Mechanismus. Weil konkrete Aussagen zu den Himmelsbahnen von Sonne, Mond und Planeten sowie zu ihren gegenseitigen Konstellationen möglich sind, hat das Folgen für die Weltsicht. 

 

Vom geordneten Himmel zur gerechten Welt

Was sind das für Folgen beim betrachtenden Menschen, der nach oben schaut? Was bringt ihm die feste Ordnung im Himmel und auf Erden?

 


Ein Instrument des Wissens und der Macht (Rekonstruierte Gesamtansicht: Die Erde in der Mitte als Halbkugel, Zeiger für Sonne, Mond und Planetenbahnen; Quelle: Freeth et al., 2021)

 

Nach Sokrates bringt ein geordneter Kosmos Gemeinschaft und Zusammenhalt.2 Denn ein stabiler Kosmos führt zu etablierten Abhängigkeiten. Die wechselseitigen Verbindungen erzeugen zyklische Stabilität. Der Ausgleich ist notwendigerweise eingebaut. Letztendlich entsteht menschliche Besonnenheit. Diese Auffssung stützt Gerechtigkeit und Fairness zwischen den lebenden Teilnehmern in diesem Universum.3 

Wer den Himmel als geordnetes Ganzes versteht, sieht daher darin auch das Bild für eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Göttern und Menschen.

Aber häufig erscheint die Welt ganz anders zu sein: Naturkatastrophen vernichten Unbeteiligte, unschuldige Kinder werden im Krieg getötet, Massenmörder genießen ihren Lebensabend in luxuriösen Palästen – Ungerechtigkeiten sind allgegenwärtig.

Die letzten drei Jahrtausende zeigen, wie tief verwurzelt und global die Auffassung einer kosmischen und moralischen Gerechtigkeit ist. Entsprechende Ideen wie Karma, ewige Belohnung oder Bestrafung im Jenseits haben mittels mächtiger Institutionen das Leben von Milliarden Menschen geprägt. Und werden es weiterhin tun.

5. November 2026

 

1 Freeth T., Higgon D., Dacanalis, A. et al. (2021). A Model of the Cosmos in the ancient Greek Antikythera Mechanism. Scientific Reports. 11. 5821. 10.1038/s41598-021-84310-w.  

2 Plato. Gorgias. Translated by Benjamin Jowett (1892), 508a–511e. ReekMythology.com, https://www.greekmythology.com/sources/plato/gorgias/508-511.

3 Horky PS. When Did Kosmos Become the Kosmos? In: Horky PS, ed. Cosmos in the Ancient World. Cambridge University Press; 2019:22-41.