Wie kann KI beim Schreiben helfen, ohne das Denken gleich an die KI abzugeben?
Ich lasse KI weder meinen Text von Anfang an schreiben noch am Ende „humanisieren“. Ich setze sie erst in die Mitte meines Schreibprozesses ein, zwischen den ersten Entwürfen und der letzte Überarbeitung. Ich nenne es die Sandwich-Methode: drei Schichten, drei Schritte. Der Kerngedanke kommt von mir, die KI bildet die Füllung, und am Ende hole ich mir den Text als Autor wieder zurück. Als allgemeine Regel formuliert:
- Entwickle den Grundgedanken.
- Lass' die KI den Text prüfen und glätten.
- Hol' dir anschließend den Text als Autor wieder zurück.

Erster Schritt: Du entwickelst den Gedanken
Zuerst kommt die Basis: der eigene Gedanke. Ich entwickle die Grundidee, schreibe einen ersten Entwurf und suche Ergänzungen. Wichtig bereits hier sind Beispiele und Sinnbilder. Das dauert meist zwei oder drei Tage. Den jeweiligen Text ein oder zwei Nächte liegen zu lassen, hat sich bewährt.
Man sieht in der Folge die Entwürfe mit etwas Abstand. Neue Gedanken kommen hinzu, was manchmal nicht so gut sein kann, da das die Argumentationslinie gewässert. Aber oft wird aus einer ersten Idee eine bessere. Offenbar arbeitet das Gehirn auch dann weiter, wenn man nicht am Computer sitzt.
Es gilt: Die ersten Entwürfe dürfen ruhig schlecht sein. Sie müssen noch nicht glänzen, sie sieht ja keiner. Wichtig ist etwas anderes: kreativ sein, Unordnung in den Gedanken zulassen. Dann zuschleifen auf eine klare Grundidee, dazu eine nachvollziehbare Argumentationslinie und möglichst konkrete und eingängige Beispiele. Ohne Beispiele ist alles nichts.
Am Ende des ersten Schrittes kümmere ich mich um den Stil. Der ist im ersten Go immer holprig. Ich habe jahrzehntelang wissenschaftliche Texte gelesen und wohl einiges von ihrem Nominalstil (Begriffe, Begriffe, Subjekt, Objekt etc.) übernommen. So reiht sich Hauptwort an Hauptwort und der Text wird schwer lesbar. Also suche ich Verben, denn in ihnen steckem Abläufe und Dynamik. Dann streiche ich unnötige Abstraktionen. Dabei verbessert sich oft nicht nur der Stil, sondern auch die Überlegungen und Gedanken selber.
Zweiter Schritt: Was KI glättet, kann den Text ärmer machen
Jetzt kommt die KI ins Spiel. Ich gebe ihr den Text und lasse ihn nach meinen Vorgaben analysieren. Ich frage etwa nach der Plausibilität der Argumentationslinie oder frage nach einer stilistische Prüfung, etwa nach den Regeln von Wolf Schneider.
Die Vorschläge für einzelne Sätze sind meist sehr brauchbar. Manche Formulierungen werden klarer. Aber hier ist Vorsicht angebracht. Da KI-Systeme, dich an sich so viel wir nur möglich binden wollen (so kommt mehr Profit rein), bieten sie nach einer Analyse gerne den Folgeschritt an. Sie fragen: Soll der ganze Text neu formuliert werden? Nimmst du dieses Angebot ohne Nachdenken an, wird ein flüssiger und gefälliger Text präsentiert. Nett, aber genau hier liegt die Gefahr. Der neue Text süßt und zergeht wie Honig auf der Zunge. Denn beim Glätten verschwinden die kantigen Beispiele und sonstige Unebenheiten, die einen Text unverwechselbar machen.
KI-Texte erinnern nun an druckreife Vortragsmonologe: Man kann ihnen mühelos folgen. Man hört sie leicht und vergisst sie in der Folge ebenso leicht. Denn ein Text muss, je nach Zielpublikum, nicht immer nur angenehm zu lesen sein. Er soll etwas beim Leser zurücklassen: ein Bild oder einen Widerspruch. Vielleicht entstehen Fragen. Deshalb benutze ich die KI als kritisches Gegenüber, nicht als Ghostwriter.
Dritter Schritt: Am Ende muss der Text wieder dir gehören
Ich überarbeite den von der KI geprüften Text selbst: Markante und von der KI gestrichene Beispiele werden wieder eingefügt, auch wenn sie an gerade jener Stelle den Fluss stören. Typische Formulierungen von (amerikanischen) KI-Modellen werden gestrichen. So etwa der Hang zu Dreierfiguren oder Bindestrichkonstruktionen. Es geht darum, die glatte Oberfläche aufzubrechen. Der Text darf und soll Ecken und Kanten haben.
Überzeugende Vorschläge der KI übernehme ich natürlich. Manchmal setze ich auf einen Gedanken der KI noch einen eigenen Gedanken darauf. Aber nun gibt es ein Stoppschild: der Text wandert nicht wieder an die Maschine zurück. Denn hier liegt der entscheidende Punkt: Ein Text wird nicht menschlicher, wenn ihn eine KI „humanisiert“. Er wird menschlicher, indem ein Mensch ihn wieder in die Hand nimmt. Du setzt dich dadurch als Autor durch.
Fazit: Die KI darf in meinen Schreibprozess hinein. Aber sie darf weder den ersten Gedanken liefern noch das letzte Wort haben. So wird der Sandwich schmecken.
Guten Appetit! :)
14. August 2026
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