(Universum 4)



atmen – seufzen – leise rufen – laut rufen

schreien

keuchen – ruhig werden – still werden 

 

Wenn der Wald antwortet

Über viele Baumwipfel  schallen diese Schreie, einige Kilometer weit reichen sie. Es ist der Höhepunkt eines Rituals1. 

Eine Gruppe versammelt sich um einen Baobab. Steine schlagen gegen den Stamm2. Hände trommeln auf die Wurzeln. Rufe fahren in das Holz. Schließlich klettert eines der Lebewesen in den hohlen Stamm. Es ruft aus dem Baum heraus.

Das Holz des Baumes schwingt mit den Steinen, dem Trommeln und Rufen mit. Welch seltsame Empfindungen mögen im Rufenden und den Herumsitzenden entstehen? Für einen Moment ist die Welt eine andere. 

 

 

Was hier nach einem menschlichen Ritual klingt, geschieht im westafrikanischen Dschungel. Es sind wilde Schimpansen. 

Primatologen untersuchen das beschriebene Phänomen schon seit Jahren und kommen zu erstaunlichen Interpretationen. Die Forscher behaupten nicht, Schimpansen hätten Religion. Was dabei in den Schimpansen vor sich geht, wissen wir nicht. Aber ihr Verhalten gibt den Forschern Anlass zu einer ungewöhnlichen Vermutung. Könnte dieses Verhalten eine frühe Form selbstbezogener oder möglicherweise proto-spiritueller Erfahrung erkennen lassen? 

  

Wo der eigene Ruf zum anderen Ich wird

Der Beobachter hat den Eindruck, als erkunden Schimpansen sich selbst und die umgebende Welt. Schimpansen nutzen den Baum nicht bloß als Kulisse. Sie machen ihn zu einem Instrument. Die eigenen Rufe erzeugen Schwingungen, die Körper empfangen sie, der hohle Stamm verändert den Klang. Der Raum antwortet.

Primatologen nennen diese Art von Rufen Pant-Hoot (keuchender Ruf). Er enthält klar getrennte Sequenzen: Ein sukzessiver Anstieg der Handlungen führt über einen  Höhepunkt zur abschließenden kontemplativen Stille. Die Schimpansen nutzen verschiedene Baobab-Bäume3 an unterschiedlichen Orten. Ob die einzelnen Bäume dabei unterschiedliche Funktionen oder Wirkungen haben, bleibt offen.

  

Architektur der Resonanz

Gilt manches auch für den modernen Menschen? Wir trennen uns häufig von der Alltagswelt, versammeln uns in eigens dafür gebauten hohen Räumen – ein Universum im Kleinen. Hohe Gewölbe zeichnen den Himmel nach. Das durch farbige Glasfenster eindringende Licht wird zum Sternenfunkel. Auch der sakrale Raum des Menschen ist ein Raum, der antwortet.

  


Von unseren gemeinsamen Vorfahren sind wir sechs Millionen Jahre getrennt. Evolutionär gesehen, durchaus eine lange Zeitspanne. Wenn es um den Drang geht, mehr über das Dasein und die Welt zu erfahren, könnte diese Differenz so riesig nicht sein. 
Es erhebt sich die evolutionäre Frage: Wie alt ist die Fähigkeit, durch Stimme, Körper und Raum Erfahrungen zu erzeugen, die nicht unmittelbar auf Nahrung, Fortpflanzung oder Flucht gerichtet sind?

27. Oktober 2026

These um Mitnehmen:

Vielleicht ist die Suche nach besonderen Räumen, Klängen und Zuständen älter als der Mensch.

1 Kirsty E. Grahama,b, , Michel Fongoli Sadiakhouc, Papa Ibnou Ndiaye et al. (2026). Western chimpanzees (Pan troglodytes verus) incorporate hollow baobab trees in acoustic displays. Behaviour (2026) DOI:10.1163/1568539X-bja10359

2 Kühl, H., Kalan, A., Arandjelovic, M. et al. Chimpanzee accumulative stone throwing. Sci Rep 6, 22219 (2016). https://doi.org/10.1038/srep22219

3 Auch Affenbrotbäume genannt.