(KI verändert Wissenschaft 9)

Das System der Above-Peer-Reviews

Wer beurteilt wissenschaftliche Qualität und wer kontrolliert diese Beurteilung?

Das Wissenschaftssystem weist Schieflagen auf. Zu den zentralen Bereichen des schiefen und überladenen Systems von Veröffentlichungen zählt das Peer-Review-System. Demzufolge sollten gleichrangige Kollegen (Peers) in Wissenschaftsjournalen eingereichte Manuskripte begutachten. 
 

Das Urteil unter angenommenen Gleichen / die Macht dahinter

Peer Review galt als Standardmethode zur Qualitätssicherung bei Veröffentlichungen in Wissenschaftsjournalen. Eine gute Idee, wäre da nicht das Menschliche. Die institutionalisierte Durchführung wird in den letzten Jahren zunehmend heftiger kritisiert. Von Peer-Review-Krise ist in Titeln und Abstracts zu lesen.1

Vielleicht hat das System vor einem halben Jahrhundert funktioniert, jetzt ist es aus dem Ruder gelaufen. Die Bezeichnung „Peer“ suggeriert Gleichrangigkeit. In der Praxis jedoch üben Gutachter erhebliche Macht über Publikationschancen von Autoren aus.

Schreiben wir eher von Reviews in einem Above-Peer-System. Das benennt die aktuelle Lage zutreffender, denn Gutachter stehen weit über den potenziellen Autoren der Einreichungen. Das Grundprinzip von Wissenschaft (der Inhalt zählt unabhängig von den Proponenten) wird zurückgedrängt.

Macht manifestiert sich auch im institutionellen Ignorieren normaler psychosozialer Handlungstendenzen wie: 

  1. Die eingereichten Manuskripten werden eher abgelehnt, wenn die Reputation von jungen Wissenschaftlern noch gering ist.

  2. Es kann zu überzogenen destruktiven Kritiken kommen, wenn die Überlegungen der Autoren nicht zur Meinung der Gutachter passen.

  3. Gutachter bestimmen die Grenzen des wissenschaftlichen Sagbaren und setzen damit subjektiv begründete  Normen.

  4. Die Namen der Gutachter werden geheim gehalten. Es gibt den Deckmantel der Anonymität. Damit gleichen sie Scharfrichtern, die unkontrolliert hinter einem Vorhang den wissenschaftlichen Prozess einer Disziplin formen.

 Bei all dem gilt doch eine Tatsache: Ein Gutachten ist Expertenmeinung und kein unanfechtbares Urteil.

 

Die Goldgrube 

Die Gutachter verfügen zwar über Entscheidungsmacht, zugleich leisten sie unbezahlte Arbeit in einem Veröffentlichungssystem, dessen Profit über den Interessen der Wissenschaft steht:

  1. die Gutachter erhalten zumeist kein Honorar, obwohl die großen Wissenschaftsverlage Goldgruben sind mit unanständigen 25 bis 40% Gewinnmargen pro Jahr! In einem Markt, der größer als 25 Millionen Dollar ist.1 

  2. Kein Wunder, dass sich die Veröffentlichung um Monate, wenn nicht Jahre verzögert; wer arbeitet schon gerne gratis?

  3. Das Dilemma: Die Interessen der Wissenschaft stehen quer zu den absolut kommerziell ausgerichteten Verlagen.2

 

Fungieren Gutachter als gratis arbeitende Bauern in einem Schachspiel, das „Oligarchen“-Verlage auf Kosten der Wissenschaft führen?

 

KI im Review: Werkzeug oder neue Instanz der Macht?

KI kann bestehende Probleme verstärken. Sie kann aber auch Abläufe verbessern, wenn sie Menschen unterstützt und Empfehlungen nachvollziehbar macht. Vier Einsatzbereiche sind zu unterscheiden: 

Bereich GUTACHTER:

  • KI unterstützt Gutachter: KI wird als Werkzeug genutzt. KI prüft das Manuskript, erkennt methodische Schwächen oder macht Vorschläge zur Strukturierung des Gutachtens. ==> Das verbessert tendenziell die wissenschaftliche Qualität.3

  • KI ersetzt den Gutachter: KI wird als eigenständiger maschineller Bewerter vorab vom nominell eingesetzten Gutachter verwendet. Die KI entscheidet zur Gänze über die Veröffentlichungswürdigkeit von Manuskripten. ==> Das senkt die Qualität und sollte als Missbrauch eingestuft werden.

Bereich VERLAGE:

  • KI unterstützt die Redaktionsarbeit in den Wissenschaftsjournalen: KI wird zur Prüfung der Gutachten auf Unklarheiten, fehlende Begründungen etc. eingesetzt. ==> Das verbessert tendenziell die wissenschaftliche Qualität. 

  • KI ersetzt die Redaktionsarbeit: KI wird bereits vorab als Hilfsmittel bei der Auswahl von Gutachtern eingesetzt. Ebenso wird die KI genutzt, um Gutachten zur Gänze zu akzeptieren oder abzulehnen.  ==> Das senkt die Qualität und sollte als Missbrauch eingestuft werden. Die Funktion Wissenschaftsverlagen ist gerade das Erkennen und Wahren von Neuem.

Die LLM-Modelle verändern den Peer-Review Prozess dramatisch. Ob die positive oder negative Richtung überwiegt, oder beides ineinander verwoben wirkt, wird die nahe Zukunft zeigen. Entscheidend ist, ob KI menschliche Urteile nachvollziehbar macht oder die Verantwortung von den Akteuren verschleiert wird.

 31. Oktober 2026

 

1 Pagliaro M, Della Pina C, Ciriminna R. (2026). Ending the Peer Review Crisis: Sharing Revenues with Reviewers. European Review. Published online 2026:1-10. doi:10.1017/S1062798726100829

2 Trueblood JS, Allison DB, Field SM, et al. (2025). The misalignment of incentives in academic publishing and implications for journal reform. Proc Natl Acad Sci USA. Princeton University, Princeton, NJ; Doi: 10.1073/pnas.2401231121.

3 Thakkar, N., Yuksekgonul, M., Silberg, J. et al. (2026) A large-scale randomized study of large language model feedback in peer review. Nat Mach Intell 8, 326–336 (2026). https://doi.org/10.1038/s42256-026-01188-x