Einige Gedanken zu Modell, einem in der Wissenschaft häufig verwendeten Begriff 
(19. Jänner 2020)

Schwenk von der steirischen Frauenalpe bei Murau: Hinter den tibetanischen Gebetsfahnen sieht man in der Ferne die Karawanken. Dann nach Westen: Man blickt auf die Nockberge und den nahen Kreischberg, dahinter liegt der Nationalpark Hohe Tauern. Ein Zoom zurück in das Murtal.  

  


 

'Forscher schummeln mehr als Studenten'
- ein reißerischer Titel mit Wahrheitskern, der über Nacht verschwand 
(21. Dezember 2019)

 
Am 20. Dezember 2019 ging eine Science-Meldung in jenem österreichischem Online-Netzwerk, das mit vier Millionen Usern pro Monat die größte Reichweite in Österreich hat. Der Titel hatte es in sich - kein Wunder, dass am nächsten Tag diese Meldung vom Netzwerk verschwunden war. Diese Meldung berief sich auf eine fundierte und statistisch seriöse Meta-Analyse von 250 Masterthesen und Forschungsberichten in der Psychologie. Da muss gestern jemand (oder jemandin,  ;-) ) aufgeschrien und interveniert haben. Zum Teil berechtigt, aber eben nur zum Teil. Ein eher passender Titel hätte gelautet: 'Forscher schummeln anders als Studenten'.
 
Hm, vermutlich hätten die (wahrscheinlich universitär verlinkten) Aufschreier auch diesen passenderen Titel nicht geduldet. Das akademische Prestige steht nämlich auf dem Spiel - Universitätsprofessoren als Schummler? Nie und nimmer! So sozial- und statuspsychologisch verständlich diese Intervention auch sein mag, vom Standpunkt der wissenschaftlichen Objektivität und faktenorientierten öffentlichen Ergebnisangebot her ein erhebliches Problem. 
 
Worum es in der zitierten Studie geht: Das Fach Psychologie hat ein Riesenproblem,  rund die Hälfte aller gefundenen Effekte und Zusammenhänge lassen sich auffinden, die andere Hälfte nicht (!). Das Ergebnis jeder zweiten Studie ist somit nicht replizierbar, wie es so schön heißt. Viel heiße Luft also trotz  tausender Psychologen, die jahrzehntelang quantitativ forschten? Es schaut danach aus, als würde der gegenwärtige Hauptansatz der zahlengetriebenen akademischen Psychologie ('Der Mensch ist durch Statistik zu durchleuchten') in Luft auflösen.
 
Die zitierte Studie - eine Meta-Analyse - untersucht Masterthesen auf fragwürdige Forschungspraktiken wie * Fehlen einer voherige Feststellung der benötigten Test-Trennschärfe, * p-Hacking (ein unkontrolliertes Fischen nach signifkanten Zusammenhängen im Nachhinein), * offensichtliche statistische Fehler in der Verwendung usw. Klar - Fehler sind in den Masterthesen zu finden,  und zwar Fehler, welche überwiegend auf mangelnde Methodenkenntnisse schließen lassen.
 
Das Spannende aber liegt im Vergleich zu den - in den letzten Jahren erkannten - systematischen Verzerrungen publizierender Forscher. Ja, die professionellen Forscher kennen sich deutlich besser aus mit statistischen Methoden. Nur zeigen sie andere problematische Verhaltensweisen, die mit der Grundidee von (Open) Science kollidieren: * Diese sind etwa Publikations-Bias (positive Zusammenhänge werden eher publiziert als negative), * Nicht-Vorregistrierung von Forschungsfragen, Hypothesen und Forschungsdesign, * eine lückenhafte Offenlegung von Daten etc. Die Gründe sind großteils bekannt: Karrieredruck wie publish or perish, prekäre finanzielle Situation der Forschenden in zunehmend ökonomistisch orientierten Universitäten und Fachhochschulen etc. 
 
So trägt jede Gruppe ihr Binkerl: die Masterstudenten können's noch nicht so gut. Die professionellen akademisch Forschenden jagen 24 Stunden am Tag dem Prestige nach oder müssen schlicht um's existenzielle Leiberl rennen. Beides führt zu schlechten Studienergebnissen. 
 
 
 
Perchtenlauf in St. Lambrecht/Steiermark im Dezember 2019
 
Olsen, J. /Mosen, J. /Voracek, M. / Kirchler, E. (2019): Research practices and statistical reporting in 250 economic psychology master's theses: a meta-research investigation. Royal Society Open Science. published: 18. december 2019, https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsos.190738  
 
 

 

Über das sogenannte 'Schreiben' einer Masterthesis
(Advent 2019)
 

Ja, natürlich wird eine Diplom- oder Masterarbeit (auch) geschrieben. Sie wird ja am Ende als Text-Datei (im docx- oder odt-Format) am Uni- oder FH-Server hochgeladen. Diese Datei jedoch stellt das DOKUMENTIEREN der Forschungsarbeit dar. Forschen besteht in erster Linie aus Problemklärung, Erstellen von Forschungsfragen, einem daraus folgenden, begründeten (teilweise kreativen) Forschungsdesign und einer Umsetzung, welche in erster Linie aus Recherchieren, Gliedern, Analysieren, Interpretieren und Schlussfolgern besteht.

Ich treffe auf viele Suchende, welche sich im Zuge des Schreibens (wie es etwa in AHS und BHS jahrzehntelang häufig unterrichtet wurde) verirrt hatten. Nach 30 oder 50 Seiten Geschriebenem stellen sie verzweifelt fest, nicht mehr weiterzuwissen. Sie sind im unendlich erscheinenden Meer von unzusammenhängenden Sätzen und Absätzen verloren gegangen. Daher mein etwas provokanter Kommentar im Advent-2019-Video.
 

 


 

Anfrage einer KlientIn,
ein Verlag hätte sich wegen Veröffentlichung der Masterarbeit gemeldet 
(Sommer 2019)
 

Nein, dieser Verlag sagt mir nichts, er ist aber nicht auf der schwarzen Liste (https://www.stan-marlow.de/schwarze-verlagsliste/). Mit einem der genannten verlage hatte ich auch tatsächlich schlechte Erfahrungen gemacht. Der von dir genannte Verlag gehört aufgrund der angebotenen informationslinks der [Name]-Gruppe an. Die dürften nicht insofern böse sein, als sie zusätzliches Geld verlangen, sie veröffentlichen halt nur - was immerhin etwas ist!
 
Wichtig ist zu beachten:
  • erwarte dir kein Geld.
  • erwarte auch keine Werbemaßnahmen und Lektorate seitens des Verlages.
  • lass' dir sagen, wie lange, wie viele jahre die Urheberrechte bei diesem Verlag sein werden. Versuch, diese Zahl (meist 5) zu verringern.
  • zahl' auch selber kein Geld (wie ‚Druckkostenbeitrag',  'Werbebeitrag' oder 'Datenvorratshaltungsgebühr') und lass' dir das schriftlich geben!
 
Grundsätzlich glaube ich, dass es sich auszahlt: Du gibst die Arbeit als veröffentlichte Forschungsarbeit (der Name des genannten Verlages allein klingt meist schon seriös) als Referenz auf deiner homepage an. Oder lässt dir einige wenige Exemplare drucken und fügst es deiner Hausbibliothek hinzu - die Familie ist stolz (in deinem Fall sehr berechtigt!). Du kannst es auch als eine der Referenzen in einem Job-bewerbungsverfahren angeben. Eine Forschungsarbeit ist nämlich ein längerfristiges Projekt mit einer ganzen Menge von Hindernissen, die diszipliniert zu bewältigen sind. Auch das zeigt eine Masterthesis, eine über Jahre dahinlaufende und vollende Dissertation insbesondere. Unternehmen honorieren das, weil sie darin Biss, Zähigkeit und Durchhaltevermögen erkennen. 
 

 
 

 

Vom Überholtwerden der Hohen Schulen
(Frühjahr 2019) 

Liebe Unis, FHs und akademische Lehrgänge, die Mittleren (AHS und BHS) Schulen haben euch Hohe überholt! Die Mitte zeigt, wo's langgeht im 21. Jahrhundert.  Maturanten müssen eine VWA (Vorwissenschaftliche Arbeit) oder Diplomarbeit abliefern. Und die ist gut strukturiert und spielt viele Stückerl. Erst mit einer positiven VWA erhalten Maturanten ihr Maturazeugnis. Wofür? Damit sie an Unis und FHs studieren können.

Und was macht ihr? Semester umd Semester wird Stoff gepaukt. Ein Aufbau methodischer und kritischer Kompetenzen - Fehlanzeige! Viel später erst gibt es zwei oder drei Seminararbeiten, die mit den VWAs und den Diplomarbeiten der Mittel-Schulen nicht mithalten können. Dennoch sollen - quasi über Nacht - die Studierenden eine gekonnte Bachelor- oder meisterliche Masterarbeit abliefern. Doch woher sollen sie das können?

Benennen wir’s: das ist Systemversagen auf breiter Basis!  

 


 

 


Nach zweimaligem Verschieben und Stornieren eines Workshop-Termins 
(Frühjahr 2019)
 

lieber Reinhard, leider muss ich auch diesen Termin wieder verschieben bzw absagen. bin leider nicht voran gekommen mim schreiben. [...] Tut mir total leid für dieses herumgeschiebe des Termines. normalerweise bin ich da konsequent, aber ich kann mich leider gar nicht fokussieren und komm einfach nicht weiter mit dem Schreiben im Moment. 

hallo xxx,
hab deine nachricht erhalten und termin storniert. Erfahrungsgemäß bringen solche aufschiebungen von masterarbeiten nichts. Meistens wirds von mal zu mal schlimmer, da man ja den faden verloren hat. Besser ist es, die arbeit in einem zug fertigzustellen.

Vielleicht ein hinweis: die phrase „schreiben einer arbeit“ wird zwar gebraucht, ist aber irreführend. Das forschen gleicht eher einem hausbauen oder aus einem block ein werk wie ein bildhauer herausmeisseln. Zu erheblichen teilen bist du eine künstlerin. die regeln einer forschungsarbeit fesseln einen nur scheinbar - in wirklichkeit eröffnen sie DIE räume für kreatives denken.

 


 

 


 

Anfrage zur Verteidigung bzw. Defensio
(Sommer 2018)

Meine Diss. wurde positiv bewertet, nun kommt die Verteidigung. Wie sieht eine Hilfestellung Ihrerseits bei der Vorbereitung auf die Disputation aus - auch in Hinsicht auf die Kritikpunkte der Gutachter? 

[...] da ich die Kritikpunkte im Detail nicht kenne, kann ich nur Allgemeines sagen: 

  • Die Begründungen ergänzen und verstärken, den roten Faden herausheben (bzw. knüpfen, wenn dieser unterbrochen oder teilweise nicht vorhanden sein sollte), die Modelle und Methoden prägnant darstellen.

  • Da eine Disputation ein anderes Kommunikationsmedium (eben ein mündliches) ist als eine geschriebene Diss, coache ich Sie, auf diese spezifischen Kanäle/Kennzeichen zu achten (ohne den wissenschaftlichen Wert der Diss in Frage zu stellen, sondern eher zu verstärken).

  • Eine Tip-top-Präsentation als Basis vorlegen.

  • Die spezifische psychosoziale Situation vorab einschätzen (wie ist die Kommission zusammengesetzt, wer hat möglicherweise welche Meinung, welche Fragen könnten kommen)  und Sie auf diese sehr spezielle Situation vorzubereiten. 

 

 In der Metro / Moskau


 

Eine weit verbreitete Studien-Sackgasse samt anschließender Lebenskrise 
(Anfrage aus 2012)

Ich bin derzeit in einer Lebenskrise und finde keine Lösung, wie es weitergehen soll. Ich bin Student und lebe in einer Beziehung seit etwa 2 Jahren. Ich habe 10 Jahre studiert und schreibe schon seit ca. 1,5 Jahren an meiner Diplomarbeit.

Mein Diplomarbeitsbetreuer hilft mir sehr wenig puncto Betreuung und vertröstet mich ständig mit seinen Terminen und gibt mir zusätzlich dass Gefühl, dass meine Diplomarbeit völlig unwichtig ist. Finanziell läuft es derzeit auch recht schlecht für mich. Meine Freundin macht mir auch schon Stress, ...

Aus meiner damaligen Antwort:

die beschriebene Situation ist häufig, falls es Sie tröstet. An den Unis gibt es zu wenig Geld, Zeit und Engagement für eine persönliche Betreuung. Das Verfassen einer akademischen Forschungsarbeit ist etwas anderes als Prüfungen zu absolvieren: Man braucht Motivation, methodisches Vorwissen, Übersicht über mögliche theoretische Hintergründe, eine effiziente Einteilung der Forschungsarbeiten, Analysieren und Darstellung im sachlich-objektiven Stil, usw. 

Aber um das Methodische zu erlernen, sind Universitäten da! Oft jedoch landet der Diplomand - allein gelassen - in einer Sackgasse. Mit negativen Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, das Privat- und zukünftige Berufsleben. Der Zweifel frisst sich ein. Und das unnötig! Denn das Verfassen von akademischen Arbeiten ist einfacher zu erlernen als die meisten meinen.

Kopf hoch und die besten Wünsche 

 


 

2002: Studenten in Myanmar bei einer Prüfung in der Sprache Pali

2002: Buddhistische Studenten schreiben eine Prüfung zur klassischen Sprache Pali