(KI verstärkt Schwächen der Wwissenschaft 6)

Tarnsprech

„Zwei Angreifer wurden neutralisiert.“ Ein nüchterner Satz? Nicht unbedingt. In der heutigen Militärsprache bedeutet er: Zwei Menschen wurden getötet. Zuerst unmerklich, doch in letzter Zeit immer häufiger stößt man in Medien auf einen neuen Stil. Das sind wenig auffällige Sätze wie

  • „Der Mitarbeiter hat Optimierungspotenzial“ Das klingt nach Entwicklung und Verbesserung. Gemeint sein kann jedoch: Seine Leistung reicht nicht aus. Vielleicht wird er bald „freigesetzt“, also gekündigt.

  • „Diese Maßnahme stellt eine Herausforderung dar“. Vor einigen Jahr en hieß es noch „Diese Maßnahme verschärft das Problem“. Wie bösartig, denn das Problem wird auf die Schultern einer Person ausgelagert. Sie ist nun verantwortlich, denn eine Herausforderung kann man lösen.

Tarnsprech ist eine sprachliche Strategie der Euphemisierung von Tatsachen1,2. Sie verhüllt Sachverhalte oder verschiebt Verantwortung auf Unbeteiligte. Militär, Wirtschaft, Politik und Hochschulen benutzen dafür unterschiedliche Wörter. Die Funktion ist ähnlich: Der unangenehme Sachverhalt verschwindet hinter einer neutraler klingenden Formulierung. Auf Klick wird weichgezeichnet. Die Wahrnehmbarkeit und damit die mitschwingende emotionale Bewertung von Sachverhalten ist verschwunden. Wie praktisch.

 

 

 

 

Wie Sprache Tatsachen verfälscht

Die sprachliche Verschiebung folgt häufig einem einfachen Muster: Das Negative wird zum Neutralen, das Neutrale zum Positiven. Aus „getötet“ wird „neutralisiert“, aus „gekündigt“ wird „freigesetzt“, aus einem „Problem“ eine „Herausforderung“. Der Sachverhalt hat sich nicht verändert, wohl aber sein sprachliches Erscheinungsbild. Und mit ihm verändern sich affektive Reaktionen und moralische Bewertungen.

Auf der Strecke bleibt die Wirklichkeit und Betroffene. Das lässt sich auch an Hochschulen beobachten. Wenn beispielsweise Studierende einer Lehrveranstaltung in der Unterrichtssprache überwiegend nur über ein A2-Sprachniveau verfügen, während zum Verständnis komplexer Fachliteratur B2 oder C1 erforderlich wäre, kann man das wirklich als „sprachliche Heterogenität“ beschreiben? 

Diese Formulierung ist falsch. Sie macht einen entscheidenden Teil der Wirklichkeit unsichtbar: Dass ein Teil der Studierenden nicht über die sprachlichen Voraussetzungen verfügt, um Lehrinhalte zu verstehen.

Nun kommt die KI ins Spiel. Naiv gehandhabt verstärkt sie innerhalb von Sekunden den Tarnsprech. Der Grund: Aktuelle Sprachmodelle sind darauf optimiert, hilfreich, höflich, sicher und sozial verträglich zu antworten. Das kann dazu führen, dass die KI harte, konfliktträchtige oder wertende Formulierungen bis zur Unkenntlichkeit abschwächt. 

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie liegen unter anderem in den Trainingsdaten, in der Auswahl und wertorientierten Gewichtung von Trainingsbeispielen, sowie in nachträglichen Verfahren, mit denen Modelle auf gewünschtes Verhalten ausgerichtet werden. Nicht jede KI formuliert zwangsläufig euphemistisch. Die Modelle unterscheiden sich, ihre Antworten hängen stark von Aufgabe, Kontext und Anweisung ab.

 

Die wissenslogische Verdrehungsmaschine

Hier wird die neue Dimension sichtbar: der Mensch produziert Euphemismen. Und die KI poliert sprachlich einen bereits abgeschwächten Sachverhalt noch einmal. Nicht dass die Maschine lügt, es genügt, wenn sie systematisch eine Formulierung bevorzugt, die weniger scharf, weniger konfrontativ und weniger eindeutig ist. KI gleicht einem lichtschnellen Förderband, wo am Ende nette und gefällige Texte herunterfallen; selbst wenn die Realität hässlich ist. 

Für die Wissenschaft ist das nicht belanglos. Denn wissenschaftliche Erkenntnis beginnt nicht erst beim Experiment oder der Statistik. Sie beginnt bereits dort, wie ein Sachverhalt beschrieben wird. Wenn die Sprache den Sachverhalte oder das Problem kleiner macht, bevor die Wissenschaft es untersucht, verändert sich nicht nur der Text. Es verändert den Gegenstand, den wir zu erkennen glauben.

 

Das ist das eigentliche wissenslogische Problem des Tarnsprech: Die Wirklichkeit verschwindet nicht. Aber sie wird sprachlich so lange geglättet, bis ihre Konturen verschwimmen. Wissenschaftlicher Erkenntnis verliert sich anschließend im Nebel.

 6. September 2026

 

PS:  KI kann allerdings auch in die entgegengesetzte Richtung eingesetzt werden. Mit geeigneten Anweisungen lässt sich ein euphemistisch formulierter Text analysieren, auf seine sprachlichen Verschiebungen untersuchen und teilweise wieder auf den zugrunde liegenden Sachverhalt zurückführen. Wie das funktioniert, ist Thema einer späteren Essay-Serie auf dieser Website.

 

1 Mironina, A. & Porchesku, G. (2023). „Euphemism as a linguistic strategy of evasion in political media discourse.“ Theoretical and Applied Linguistics, 2023, Volume 9, Issue №2

2 Eliecer Crespo-Fernández, (2018). Euphemism as a discursive strategy in US local and state politics. Published online: 14 December 2018, https://doi.org/10.1075/jlp.17040.cre?locatt=mode:legacy