Jahrzehntelang fehlgeleitete Prozesse werden nun sichtbar
Als Bildung noch Begegnung war
Als die ersten Universitäten im 11. Jahrhundert entstanden, verfolgten sie ein vergleichsweise einfaches Ziel. Sie sollten Menschen ausbilden, die Verantwortung in Kirche und Verwaltung übernehmen konnten. Theologie gehörte selbstverständlich dazu, ebenso die freien Künste wie Rhetorik oder Arithmetik.
Neu war nicht nur der Lehrstoff, sondern die Art des Lernens. Die Universität war eine Gemeinschaft. Sie verband etwas von der klösterlichen Lebensform mit der Welt der Handwerkszünfte. Professoren unterrichteten ihre Studenten nicht bloß, sie begleiteten sie über Jahre hinweg – ähnlich wie ein Meister seine Lehrlinge. Verstandenes und praktisch anwendbares Wissen wurde als UNI-versität gemeinsam erarbeitet, nicht lediglich vermittelt.
Auf diese Weise entstand in den letzten Jahrhunderten wissenschaftlicher Nachwuchs. Es ging nicht nur darum, Fakten zu lernen. Wer studierte, sollte Urteilsvermögen entwickeln, kritisch denken lernen und wissenschaftliches Arbeiten einüben. Denn Lernen bedeutete nicht allein die Aneignung von Wissen, sondern die Ausbildung von Urteilskraft, Charakter und wissenschaftlichem Denken. Dass intensive persönliche Anleitung dabei besonders wirksam ist, bestätigt die Bildungsforschung bis heute.
Der schleichende Abschied vom Meisterprinzip
Ein Handwerksmeister mit dreißig Lehrlingen wäre eine absurde Vorstellung. Er könnte keinem Einzelnen wirklich gerecht werden. An vielen Universitäten ist genau dieses Missverhältnis jedoch längst selbstverständlich geworden.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen die Hochschulen: Hörsäle wurden größer, Studiengänge standardisierter, Prüfungen stärker automatisiert. Multiple-Choice-Tests ersetzten vielerorts das persönliche Prüfungsgespräch. Masterarbeiten und Dissertationen entstanden oft monate- oder jahrelang außerhalb der Universität, begleitet von wenigen Gesprächen.
Das war effizient. Es sparte Zeit und machte die Ausbildung großer Studierendenzahlen überhaupt erst möglich. Gleichzeitig entfernte sich die Universität Schritt für Schritt von dem, was sie ursprünglich ausgezeichnet hatte: der engen und persönlichen Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden.
KI als Spiegel einer lange verdrängten Krise
Nun kommt die KI hinzu – und plötzlich wird sichtbar, was lange übersehen wurde.
Studierende greifen heute selbstverständlich auf KI-Systeme zurück. Wo Studierende nur noch selten eng begleitet werden, übernimmt heute häufig die KI jene intellektuelle Unterstützung, die früher von Lehrenden kam. Innerhalb weniger Sekunden entstehen sprachlich überzeugende Texte, die kaum erkennen lassen, wie viel eigenes Denken tatsächlich in ihnen steckt.
Das eigentliche Problem ist dabei nicht die Qualität dieser Texte. Das Problem ist, dass Prüfende kaum noch unterscheiden können, ob hinter ihnen eigenständiges Denken steht oder nicht.

Venedig - Cannaregio, November 2023
Damit offenbart die KI keine neue Schwäche der Universität. Sie legt eine alte offen. Über Jahre wurden Bildungsprozesse standardisiert und persönliche Begleitung zurückgedrängt. Solange Computer lediglich Prüfungen auswerteten, fiel das kaum auf. Jetzt schreiben Computer selbst Texte – und plötzlich gerät das gesamte System unter Druck.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, die KI an die Universität oder die Universität an die KI anzupassen. Sondern darin, die Universität im Sinne echter höherer Bildung wieder stärker an ihrem ursprünglichen Bildungsverständnis auszurichten.
5. Juli 2026
Leitgedanke zum Mitnehmen:
Nicht die KI führt zur Krise der Universitäten. Die Krise begann, als persönliche Betreuung durch Massenbetrieb ersetzt wurde. KI macht diesen Verlust erstmals unübersehbar.