Wenn Aliens forschen
Gemini 3.2 / Claude 5.2 / Müller, Lisa / Meier, Peter (2026): ..... ..... .....
So könnten wissenschaftliche Zitate bald aussehen: KI-Modelle als Hauptautoren, Menschen als Mitautoren. Provokant? Ja. Aber vor allem ehrlicher als viele heutige Zitierweisen. Denn längst schreiben Maschinen nicht nur mit – sie "denken" mit.
Diese Verschiebung zeigt, wie tief KI bereits in den wissenschaftlichen Alltag eingreift. Sie verändert nicht nur Arbeitsabläufe, sondern berührt zentrale Fragen der Erkenntnis: Wie entstehen Theorien? Woher kommt wissenschaftlicher Fortschritt? Und was passiert, wenn ein Alien, also ein nichtmenschlicher Akteur daran beteiligt ist?
Vom Werkzeug zum Ko-Wissenschaftler
Anfangs diente KI als Hilfsmittel. Sie glättete Texte, strukturierte Absätze, korrigierte Stil. Diese Phase ist vorbei. Heute arbeiten teilautonome KI-Agenten in Kernbereichen der Wissenschaft. Sie formulieren Hypothesen, entwerfen Experimente, wählen Methoden aus, steuern Simulationen. Damit sind sie keine bloßen Werkzeuge mehr. Sie agieren vielmehr als Ko-Wissenschaftler.
Doch sie arbeiten nicht frei. Sie orientieren sich an dem, was ihnen das jeweilige Fach vorgibt: seine Grundbegriffe, Modelle, Metaphern und Methoden. Die KI übernimmt, was gegenwärtig als legitim gilt. Sie reproduziert, was sich bewährt hat.
Warum KI das Paradigma nicht verlässt
Genau hier liegt das Problem. KI operiert innerhalb desselben wissenschaftlichen Paradigmas, das das Fach bisher geprägt hat. Sie sprengt den Denkrahmen nicht. Sie füllt ihn aus – eventuell effizienter, schneller und konsequenter.
Der Möglichkeitsraum der Disziplin jedoch bleibt derselbe. Nur seine Nutzung beschleunigt sich. KI-Modelle zeigen dabei eine auffällige Beharrlichkeit. Haben sie einmal eine Argumentationslinie eingeschlagen, verfolgen sie sie hartnäckig. Alternativen bleiben Randerscheinungen. Abweichungen gelten als Störung.
Man könnte sagen: Die KI ist sozialisiert worden. Sie hat gelernt, wie man in diesem Fach denkt – und will davon nicht lassen.

Beschleunigte Normalwissenschaft
Die Folge ist paradox. Ausgerechnet eine Technologie, die als Motor des Fortschritts gilt, stabilisiert den Status quo. Nein, noch schlimmer: Die Disziplin gräbt sich dadurch tiefer in ihr bestehendes Paradigma ein. KI beschleunigt die normale Alltagswissenschaft – nicht den Bruch mit ihr.
Dabei geht Entscheidendes verloren: der Blick von außen, die Frage nach Relevanz jenseits des Fachhorizonts, die Irritation durch fremde Perspektiven. Jede solcherart kanalisierte Wissenschaft wird produktiver, aber nicht klüger.
Natürlich ließe sich die KI auch anders einsetzen. Man könnte sie gezielt fragen, was gegen das eigene Paradigma spricht. Doch dafür braucht es etwas, das KI nicht besitzt: Übersicht über Begriffe, Offenheit für alternative Deutungen, Mut zur begrifflichen Unsicherheit.
Kritik bleibt menschlich – vorerst
Einige wenige Forschende werden den Weg des Erweiterns gehen. Vielleicht sind es die künftigen Nobelpreisträger. Sie nutzen KI nicht als Bestätigungsmaschine, sondern als Sparringpartner und Widerpart. Erste Hinweise liefert eine aktuelle Preprint-Studie: Hochwertige wissenschaftliche Arbeiten entstehen dort, wo die menschliche Beteiligung im KI-Mensch-Verbund hoch bleibt.1
Das ist keine romantische Hoffnung. Es ist eine nüchterne Diagnose. Gegenwärtige KI-Modelle können rechnen, kombinieren, beschleunigen. Aber paradigmatische Kritik entsteht nicht aus Datenmengen. Sie entsteht aus Distanz.
Noch.
30. Jänner 2026
1 Federico Bianchi, Owen Queen, Nitya Thakkar, Eric Sun & James Zou (17. 12. 2025): Exploring the use of AI authors and reviewers at Agents4Science, Nature Biotechnology, volume 44, pages 11–14 (2026), https://www.nature.com/articles/s41587-025-02963-8