Klassische Philosophen tun sich schwer mit dem Begriff Lebenssinn. Und überlassen dieses wichtige Thema anderen: den populären Ratgebern, Priestern oder Gurus. Weil sich eben Philosophie in den letzten drei Jahrhunderten auf die Vernunft konzentriert hatte. Ohne eigentlich exakt zu wissen, was das ist. Wenn überhaupt, wird ein Sinn des Lebens philosophisch mühsam über Annahmen und Argumente abzuleiten versucht.

  Spätestens mit der kommunikativen Dominanz sozialer Netzwerke im Internet ist klar geworden: wir leben und treffen Entscheidungen nicht nach streng rationalen Regeln. Vielmehr steuern uns tief verankerte Erfahrungen der ersten Jahre (etwa durch einen überstrengen Erziehungsstil), nicht reflektierten Präferenzen, Gewohnheiten und Vorlieben, deren Entstehungsgrund wir vergessen haben. Mit Vernunft haben diese inneren Beweggründe selten zu tun. 

  Anthropologische Philosophie beachtet dies. Sie stützt sich auf ein modernes Bild vom Menschen, das stammes- oder herkunftsbasierte Erfahrungen und Gefühle integriert. Hierbei gilt: 'Vernunft' spielt nur die zweite Geige. Vernunft hat sich als jüngster Teil des menschlichen Bewusstseins entwickelt. Grob gesagt, entspricht sie einer dünnen 'oberflächlichen' Schicht, die über tieferen, älteren Schichten aufgesetzt wurde.

  Vernunft gleicht somit der äußeren Glasur einer Torte, in der Wichtigkeit nachrangig gegenüber dem Inneren und der süßen Fülle ist. Die Fülle der Torte - die Gefühle – setzt sich zusammen aus Leidenschaften, Stimmungen, Trieben, Instinkten, Emotionen, Seelenkräfte, Gemütsbewegungen, um nur einige andere Wörter für den großen Bereich der Gefühle zu verwenden. Das Motivierende und eigentlich Treibende im Menschen wird durch diese Wörter gut charakterisiert (siehe auch den folgenden Kasten). 

Die Herkunft des Wortes Sinn weist auf ein Initiieren und Bewegen. Darüber hinaus zeigt die entsprechende Wortfamilie auf das Suchen von Spuren und Fährten. Sinn bezeichnet kein blindes Bewegen und Herumirren, sondern ein durch Sinne gefundenes, gezieltes Vorankommen.

Interessant ist die noch weiter zurückführende indoeuropäische Wurzel *sent. Sie benennt gehen, reisen mit der verbundenen Bedeutung eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen 1 2 3. Im Lateinischen heißt sentire und sensus 'fühlen, wahrnehmen' beziehungsweise 'Gefühl, Sinn, Meinung'. 

In beiden angeführten Sprachwurzeln zeigt sich das bis heute gültige Bild. Das Bild der durch die Sinne wahrgenommenen Richtung, die sich als gefühlsverankerte Meinung manifestiert und Menschen in eine bestimmte Richtung bringt. Es geht um die Ausrichtung der Gedanken und die Gesamtheit einer Persönlichkeit auf eine Sache, auf eine Fährte - in letzter Konsequenz auf ein Ziel.

 

Wie finde/entwickle ich meinen persönlichen Sinn?

Zwei Wegen bieten sich an:

  • Gefühlsmäßig achte ich auf meine Sehnsüchte. Diese sind jene Gefühle, die mir anzeigen, welche Ziele mein gesamtes Ich (das Bewusste und vor allem das Unbewusste, der Verstand und insbesondere die Gefühle) in Wahrheit anstrebt. 

  • Mittels der Vernunft suche ich Wege, um die drei Grunddimensionen im Rahmen eines bestimmten Themas besser abzudecken- Körperlich-Materielles, Psychisches und Soziales. Sinn heißt, in der vielfach gebrochenen Wirklichkeit wenigstens in Teilbereichen jenen roten Faden zu finden, der Zusammenhänge und Stimmigkeit anzeigt. Sinn heißt, jenen rote Faden zu finden und aufzuspulen, der zu mehr oder weniger klar definierten Zielen führt.

 

 Sinn des Lebens und weltliche Spiritualität haben vieles gemeinsam, sind – aus der Ferne betrachtet – vielleicht nur zwei Seiten derselben Medaille. Sinn heißt, durch Sinne und Gefühle gefundene stimmige Ziele zu erkennen und auch zu erreichen versuchen. Säkulare Spiritualität umfasst über dieses Engagement hinaus ein diese Aufgaben begleitendes, ethisch-moralisches Tun. Weltliche Spiritualität ist ein Eingebundensein in allgemeinere, über das eigene Ich hinausreichende Prinzipien. Prinzipien, die zum Beispiel aus diesen umfassenderen gefundenen und stimmigen Zielen entlang moralischer und ethischer Linien (darüber in Zukunft mehr) abgeleitet werden. 

 

Dämmerung im Marchfeld / Weinviertel / Niederösterreich: zwischen Leopoldsdorf und Lassee Die Bereiche, in denen sich Spiritualität insbesondere manifestiert, sind lokale und regionale Nachbarschaft, Öffentlichkeit, Umwelt, zukünftige Generationen, Natur, ... Die möglichen Inhalte in diesen Bereichen hängen vom Alter und entsprechenden Aufgaben ab. Dies sind zum Beispiel Aufgaben der Entwicklung4 in frühen Lebensphasen, eines Kümmerns, das mehr als nur die eigene Person im Blick hat, in mittleren Lebensphasen oder eines Vermächtnisses (einer legacy für folgende Generationen) in einer späteren Lebensphase. 

Reinhard Neumeier
September 2013
 

 

1 Drosdowski, Günther, Duden 7, Etymologie, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 1989

2 Stichwort Sinn, Duden online

3 Stichwort Sinn, The Free Dictionary

4 Yalom, Irvin (2005): Existenzielle Psychotherapie, Edition Humanistische Psychologie, Verlag Andreas Kohlhage (insbesondere Teil IV ab S. 495)