Die Sprache ist TÄTIGKEIT, sie ist KEIN festes Werk1

  Das beschreibt die Kernidee der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts. 100 Jahre vor Wittgenstein durchdrang Humboldt Sprache innerhalb eines weiten und universellen Horizonts. Die derzeit so gefeierten Konzepte des späten Wittgenstein sehen demgegenüber wie eine kleine Fläche innerhalb enger Grenzen einer Provinzstadt aus. Wittgenstein analysiert bis zu seinen letzten Schriften schwarze Buchstaben auf hellem Papier.

 

  Ja, auch sie Teil der menschlicher Kommunikation, oft sogar der zentrale Part, oft aber nur der wenig gehaltvolle. Menschen (und auch andere Lebewesen) drücken sich kraft ihres gesamten lebendigen Leibes aus. Hierbei geht es nicht nur um das WAS, eben der Sachinhalte, sondern auch um das WIE, der dynamischen Abfolge des Ausdrucks. Das Was im Sinne variabel gebrauchter Wörter hat der späte Wittgenstein im Gegensatz zum frühen Wittgenstein schon erkannt. Dass auch das Wie das Was bestimmt, ist auch dem späten Wittgenstein nach wie vor fremd.

 


Hauptdarstellerin der 'Guten Hexe des Westens' in einer Aufführung der St. Lambrechter Wandelbühne (Der Zauberer von Oz, August 2019)

 

  Wie ist der Tonfall, die Prosodie/Sprachmelodie, wie ist die Mimik, wie sonstige nonverbale Zeichen, wie die Körperhaltung? Beobachten Sie doch Gespräche Ihrer nächsten Umgebung: Sie bestehen meist aus einem raschen Hin und Her, aus einem dynamischen und rückwirkenden Eingehen auf den Gegenüber in einer spontanen Alltags-Kommunikation! In der sozialwissenschaftlichen Analyse solcher Gespräche haben sich eigene voraussetzungsarme Techniken entwickelt, wie etwa die Partitur-Schreibweise. Diese stellt sowohl Verbales als auch Nonverbales in der Gleichzeitigkeit dar. Hier ein Beispiel: 

 

 

 

  Das "Tatsächlich" von B kann bestätigend oder zweifelnd sein, es kommt auf den Tonfall, die Mimik etc. an. Die Auflösung dieser Ambiguität ist wichtig, hängt doch davon der unmittelbar weitere Ablauf des Gesprächs ab. Der selektive Blick auf nackte Wörter oder Sätze ist zu wenig. Nicht umsonst spricht Humboldt von der (Sprach-)Tätigkeit als energeia, also vielfältigen Ausdrucksformen, die alle aufgrund eines inneren Antriebes und zielgerichteter Energie durchgeführt werden, um in ihren Auflösungen eine Klärung des Gemeinten und/oder Übereinstimmung zu erhalten.

 

  Humboldt geht noch weiter: jedes WIE hat eine individuelle Geschichte der Entstehung und daher individuelle Bedeutungen, jedes WIE hängt auch von etablierten gesellschaftlichen Einstellungen und Verhaltensnormen ab, die sich mit der Zeit ändern. Was hingegen Wittgenstein untersucht, ist nur die bereinigte und idealisierte Rede. Und das ist selten die natürliche, ausdruckgebende und interaktive Sprache. Rede ist abhebend monologisierend, ein gleichberechtigter Gegenüber ist hierzu nicht notwendig, ja wäre störend. Das spürt jeder und jede, die langweiligen Vorträgen zuhören mussten.

 

  Die Auffassung Humboldts schließt einen Kreis: ausgehend vom ganzkörperlichen Ausdruck und Mitteilen wichtiger Bedürfnisse des Säuglings (Weinen, verkrampfte Fäuste, Strampeln mit den Beinen, Winden des Körpers) über die abstrakte, aber sehr eingeengte Analyse einzelner komplexer Wörter und Sätze der Erwachsenensprache holt Humboldt wieder die Gesamtszenerie des Sprechens und der Kommunikation hervor. So wie wir es alle tagtäglich dutzende Male erleben. Nahezu alle Sprachphilosophen des deutschsprachigen Raums haben das 150 Jahre ignoriert. Tja, auch Wissenschaftler tragen bisweilen Scheuklappen. Ohne es zu wissen, verstehen Säuglinge, Kinder und Erwachsene mehr von der Sprache (und wenden dieses Wissen intuitiv an) als viele punkt- und beistrichanalysierende Linguisten. 

 

  Kein Zweifel, der späte Wittgenstein hat mitgeholfen, die analytische Wissenschafts- und Sprachphilosophie Mitte des 20. Jahrhunderts aus ihrer Logik- und Mathematikversessenheit herauszuholen. Dies war einer Zeit, als man die Wirklichkeit mittels empirisch begründeter und logisch widerspruchsfreier Protokollsätze festnageln wollte. Auch das ist ein unübersehbarer Verdienst von Wittgenstein. Jedoch hatte er mit seiner Analyse den bereits erreichten sprachphilosophischen Horizont des beginnenden 19. Jahrhunderts noch bei weitem nicht erreicht. 

 

Reinhard Neumeier
August 2019

 

Der genaue Wortlaut dieses Satzes ist: „Die Sprache […] ist kein Werk (ergon), sondern eine Tätigkeit (energeia)“; Humboldt, Wilhelm von, (1836/1963), Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechtes (= Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java; Einleitung). Berlin: Königlich-Preussische Akademie der Wissenschaften, Bonn: Dümmler, S. 418