Leben bewegt sich, wächst und wird mehr. Leben schöpft Neues, repariert und erholt sich. Leben wird mehr, verlangt alles und überwindet Grenzen. Leben wird komplexer oder stabiler.
Es wird als Baum mehr als 100 Meter hoch. Es rast als Gepard mit mehr als 100 Kilometer pro Stunde  dem Wild nach. Leben bleibt, wie es ist. Leben übertrifft sich selber. Es erhält sich, um in Zukunft noch lebendiger zu sein. Kurz: es will weiterleben, möglichst lange, möglichst für immer. Das nennt man die Ordnung des Lebens.

Der Gegensatz heißt an Grenzen zu kommen, die nicht mehr überwunden werden können. Grenzen, die  näher rücken. Der Gegensatz heißt verletzlicher zu werden und dies öfter auch  sein, ohne es vollständig rückgängig machen zu können. Kurz: das Ende wird vorgefühlt, wird vorhergesehen. Das nennt man die Ordnung des Todes.


Unsere Kultur ist auf Jugend und ewiges Wachstum ausgerichtet. So sind wir auch. An das Ende und den Tod zu denken, schmerzt. Wir verschieben das auf später. Noch besser: das hat mit uns nichts zu tun. Wir fühlen uns unsterblich. Genau hier stoßen wir auf die große Pointe des Lebens: Gelingendes Sein entsteht aus einer dynamischen Balance der Ordnung des Lebens UND der Ordnung des Todes.
Das ist das Paradoxe: beide Ordnungen sind vom Beginn an untrennbar miteinander verwoben. Wer dies ignoriert und nur die Ordnung des Lebens hochhält, zahlt langfristig die höchsten Preise – mit einem unaufmerksamen Leben und einem frühen Tod.
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Anatolien: unterirdischer Wasserfall
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Selbstverständlich liegt in der Jugend mehr Gewicht auf der Ordnung des Lebens. Selbstverständlich erspürt das Alter die andere Ordnung (Sie sehen, ich vermeide das Wort 'Tod'). Aber wir benötigen beide Ordnungen, um ein gutes und volles Leben zu führen. Mit 50, 60, 70, 80 und 90 hört der Mensch gezwungenermaßen besser hin. Wer zu aktiv in der zweiten Lebenshälfte ist (Marathonlaufen, den Mount Everest besteigen,..), hat genau so schlechte Karten wie jener, welcher zu wenig macht (nur vorm Fernseher hockt und die Wohnung nie verlässt).

Eine Balance der Ordnungen bedeutet nicht unbedingt Verzicht. Dem Schöpferischen kann ab dem sechsten Lebensjahrzehnt so viel Raum gelassen werden wie früher. Nur wird selten Neues in materieller oder biologischer Hinsicht hervorgebracht. Das Soziale, Kulturelle oder Spirituelle ist Trumpf. Ein Kümmern um die Gemeinschaft bringt doppelt: der menschlichen Gemeinschaft sofort und der handelnden Person ein sinnvoller empfundenes und oft auch längeres Leben.
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So segensreich kann die Ordnung des Todes wirken.
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Reinhard Neumeier, Februar 2009