Sie lachen zurück: zehn Wochen alte Säuglinge. Mit zehn Monaten reagieren sie auf andere Babies. Dreijährige streiten, schlagen, weinen und stampfen mit den Füßen – kooperieren aber im Kindergarten. Die meisten lernen in der Kindheit, fair zueinander zu sein. An ungerechte Ohrfeigen durch Eltern oder Lehrer erinnern wir uns noch im hohen Alter. Sie tun besonders weh. Angeleitet durch geduldige Kleinarbeit seitens Mutter oder Vater, Großeltern, Geschwister, Onkel, Tante, Lehrer, Freunde, Nachbarn lernten wir, dass es sich auszahlt, füreinander da zu sein. Wir spürten das warme Gefühl im Bauch, wenn wir anderen helfen.

 

Seit der Geburt sind nun 20 oder 25 Jahre verstrichen – zum Teil angefüllt mit Empfindungen, wie schön es ist, andere Menschen um sich zu haben. Wie schön es sein kann, akzeptiert und geschätzt zu werden.Nun startet ein neues Mitglied unserer Art in das Erwerbsleben – ausgebildet, voll Elan und Hoffnung: ein Mensch mit Gemeinschaftsgefühl.

 

Dieser heuert in einem Großunternehmen an, einem Multi, einem Global Player. Und erfährt, wie man aus Geld mehr Geld schöpft. Und lernt, Profit zu machen - nein, viel Profit, richtig viel Profit. Pure Zauberei. Auf Kosten seiner Kollegen und Mitmenschen, auf Kosten von Umwelt und Natur, auf Kosten unwissender Konsumenten. Alles zugunsten des einen reichen Promills - des einen von tausend. Auf dass dieser wie Dagobert Duck hineinspringt und eintaucht in den Golddukatenhaufen seines Geldspeichers.

 

Manche junge Leute lernen, ihre Ellbogen anderen in die Rippen zu stoßen. und werden im Laufe der Jahre abgebrüht und zynisch. Lassen giftiges Spielzeug in China produzieren zu lassen, die Haarschampos, Waschmittel und selbst das Essen mit Mikro-Kunststoff verseuchen. Mündliche Zusagen und Handschlagsqualität - vergiss es! Denn es zählt nur der abgelieferte Gewinn – wie der zustande gekommen war, ist egal. Manche ehemals sensible junge Leute brauchen so ihr moralisches Kapital auf. Sie tauschen Sinn und Freude am sozialen Leben ein gegen Prämie und Bonus, verraten ihr Selbst und verarmen trotz Villa und Riesen-SUV in der Garage.

  

Natur im Gegenlicht

 

Der nicht eingehegte Kapitalismus lebt von dem Vorrat an Gefühlen, der in Kindheit und Jugend außerhalb der Managemententagen erworben wird. Das monetäre Ungeheuer lebt von den jungfräulichen Seelen, die ihm als Opfer gebracht werden. Die weltweiten 'Player' fressen das mitgebrachte Humankapital der Jungen. Bis nichts mehr übrig bleibt - weder in den Herzen der Menschen noch auf der Oberfläche der Erde. Der Kapitalismus in seiner Reinform muss alles gnadenlos ausnutzen. Das ist schließlich seine absolute Definition: Geld - Investment - mehr Geld. 

Dem Mit-Arbeiter wird das Mit genommen - er und sie sind längst zur Sache geworden. Man kauft Arbeit am Markt wie Vieh – stückweise und tonnenweise, nach Belieben für einen Tag oder ein Jahr. Hat der angetriebene Arbeiter im 19. Jahrhundert bis zur Erschöpfung gearbeitet, so erfindet das 21. Jahrhundert eine grausamere und noch effizientere Variante der Folter: selbst auferlegte und internalisierte Ziele. Verbraucht und sinnentleert fallen viele nach zwei oder drei Jahrzehnten in Leere, Depression oder Verzweiflung.

 

Das läuft momentan ab am schrankenlos gewordenen Markt: Unternehmen verbrauchen die Werte motivierter Menschen. Wertvolle Tugenden werden Tag für Tag umgewandelt  in kalte Bilanzzahlen, in schnödes Geld. Nicht alle Unternehmen sind so - am wenigsten die mittleren und kleinen Familienunternehmen. Keines dieser meist globalen Unternehmen stellt die kostbaren Güter eines sinnvollen Lebens wieder her: Menschliche Wärme, ein Kümmern um sich und  andere, ein Sorgen um die Natur, ein Zulassen von Ruhe, Dankbarkeit und Freude.

 

Ist es ein Wunder, dass die jüngeren Generationen nicht mehr mitmachen wollen? Die Millenials, die Y- und Z-Generation der Allerjüngsten? Dass sie ein Privatleben einfordern, auf eine ausgewogenes work-life-balance achten, sie Bosse einfach ins Leere laufen lassen und Auszeiten nehmen? Großartig, wenigstens in den reichen Ländern dieser Erde bieten neue Generationen dieser Selbstzerstörung die Stirn!

 

 

Reinhard Neumeier 
überarbeitet im Juli 2019