Einen Tod stirbst du im Frieden, viele im Krieg. Sie hängen drohend über dir: unerwartet aus dem Nichts oder erwartet in angekündigten Schlachten. Die bisherige Welt geht unter und mit ihr deine Einstellung zur Welt.

Gläubige Soldaten ringen mit ihrem Gott, beten noch intensiver oder fallen vom Glauben ab. Säkulare werden zynisch oder finden existenziellen Halt in einem Glauben. Frühe soziale Prägungen, die Erziehung, Lebensumstände, aber auch Zufälle spielen entscheidende Rollen, wie diese Veränderung abläuft und welche Inhalte sie annimmt. Wittgenstein - aus einer jüdisch-assimilierten Industriellenfamilie - stammend wird katholisch erzogen und genießt Privatlehrer. Als dann intellektueller und rational-logisch denkender Techniker beginnt er 1912 mit seinem logisch-philosophischen Traktat, bekannte Mathematiker hatten ihn in den Bann geschlagen.

Der Erste Weltkrieg ist die große Zäsur des 20. Jahrhunderts. Auch für W.. Er ist vom ersten Tag an dabei und kämpft als österreichisch-national gesinnter Soldat in Galizien an der Ostfront. Zufall oder nicht, jedenfalls liest er bereits am 1. September 1914 Tolstois ‚Kurze Darlegung des Evangelium‘. Nein, er liest dieses Werk nicht, er saugt es auf. Während des ganzen Weltkriegs, umgeben vom lauernden Tod durch Maschinengewehrkugeln oder Granattreffer, kaut W. vier Jahre an dieser Schrift. Wieder und wieder, wie seine Tagebücher festhalten.

 

Blick vom Sieveringer Friedhof auf Wien 

Was sind das für Ideen, die W.‘s Gedanken und weiteren Lebensweg prägen? Der Gott von Tolstoi ist kein naiv-gütiger Vater mit weißem Bart wie im kathlischen Katechismus für das einfache Volk gezeichnet, sondern hochgeistig und spirituell: DAS Prinzip der Vernunft. Zwar seien wir Menschen unabhängig und frei, doch da in allen Gegenständen der Welt die Vernunft als Gott-Geist lebt, leitet sie/er uns zu einer tugendhaften Lebensführung an - so die Kurzkurzfassung dieses pantheistischen und humanistischen Glaubens nach Tolstoi und Wittgenstein. 

Dass der allwissende und allgütige christliche Gott der Liebe noch wenige Jahrhunderte vor dem jüdischen Reformator Jesus ein barbarisches und blutdürstiges Wesen ist, der zur Opferung des leiblichen Sohnes und zu Völkermord aufruft – geschenkt! Diese Unlogik zählt nicht, wenn man in jedem Augenblick existenziell überm Abgrund hängt. W. blendet diese logischen Widersprüche aus, während er in den Kriegsjahren sein vorgeblich logisches Werk weiterführt und beendet.

Die Widersprüche tauchen dafür umso heftiger in den letzten Axiomen auf. Hier häufen sich Wörter wie aus dem Himmel gefallen: Gott, Seele, Unsterblichkeit. Logische Ableitungen aus vorherigen Grund-Axiomen sucht man vergebens. Die glaubensgetränkten Wörter sind in Sätze gepackt, die einem hochmittelalterlichen Mystiker, der ins 20. Jh. der Einstein’schein Relativitätstheorie geworfen wird, zur Ehre gereichen: „Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“ (6.4312), „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ (6.522)

Sein letztes und berühmtestes Axiom ist mystisch gedacht, wird aber als rationale Erkenntnis einer Limitation aufgefasst. Dieser Satz bildet den Abschluss des - nun überhaupt nicht mehr - logischen Traktats: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (7)

Ein großartiger Abschluss – wäre der Traktat ein Roman. Dieser gleichsam von den Endzeit-Posaunen unterlegte Satz bringt den Transfer vom Logiker zum Mystiker auf den Punkt. Wahrscheinlich hat er Wittgensteins frühen Ruhm mitbegründet, denn dieser Satz ist Allgemeingut geworden.

Reinhard Neumeier, April 2019

 

Zur ersten Folge dieser Reihe.

 

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