Verwittgensteint werden wir Wiener in diesen Tagen:

100 Jahre Fertigstellung des Tractatus logico-philosophicus, Wittgenstein-Symposium im Alpenvorland, höchstdotierter Wittgensteinpreis dort, Wittgensteinausstellung da. Einer, nein DER bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts läuft in naher Zukunft Sigmund Freud den Rang als bekanntester Wiener Denker ab. War Freuds Metier das Mystische und dunkle Unbewusste, ist Wittgensteins Metier das helle Logische – einer, der die Analyse und Mathematik in die Philosophie gebracht hat, so meinen wir. Wenn wir uns da nicht alle irren!

 

Wir Menschen hängen als Gefangene im ideologischen Netz unserer Zeit. Mal mehr mal weniger - einige denken voraus, einige bleiben rückwärts gewandt. Auch Wissenschaftler von höchstem Rang sind niemals zu 100% frei von den Vorurteilen ihrer Generation. Auch sie sind und bleiben Kinder ihrer Zeit. Es ehrt sie aber, wenn sie sich von diesen klebrigen Fäden zu befreien versuchen. Diese Befreiungsversuche unternahm Wittgenstein in der zweiten Hälfte seines Lebens. Er versuchte in 30 Jahren das zu zerreißen, was er in den ersten 30 Jahren seines Lebens aufgebaut hatte  – und dafür schätze ich ihn sehr.

 

 

Alles schien möglich am Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Fortschrittsglaube, gegründet auf Physik und technische Wissenschaften, verhieß eine blendende Zukunft. Aus einem Familienclan stammend, der über viele Generationen seine musische, praktische und intellektuelle Familienkultur forcierte, versuchte er sich - was sonst? - am technischen Maximaltraum der Jahrhundertwende,  dem Fliegen. Ein Patent für einen verbesserten Flugzeugpropeller hatte er schon entwickelt. Nur - geflogen sind 1911 schon viele Leute. Grenzen waren hier kaum mehr zu weiten oder zu überwinden.

So meldeten sich wohl andere Wurzeln seiner Familienkultur zu Wort. Er sattelte um auf das weiteste, schwierigste und nie vollständig auslotbare Gebiet des Menschlichen: die Philosophie.

 

Wird Mathematik als formale Universalwissenschaft angesehen, die aller Technik zugrunde liegt, ist der konsequent nächste Schritt im Lebensweg des Ludwig Wittgenstein verständlich: Er suchte gezielt die führenden Philosophen der Mathematik auf – Gottlob Frege und Bertrand Russel. Und klar, dass er sich später auch mit Luitzen Brouwer traf, einem anderen Top-Mathematik-Philosophen. Alle einte im jeweiligen Lebenswerk ein Ziel: Mathematik auf eine begrenzte Anzahl von Annahmen und Verfahrensregeln zurückzuführen. Logik war hierbei immer im Spiel, ob nun mit oder ohne klassische zweiwertige Logik von wahr oder falsch.

Ist doch klar, was nun ein ehrgeizig brennender Ludwig Wittgenstein tat, ja tun musste.  

 

Reinhard Neumeier, September 2018  

 

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