Wir bestehen daher aus kristallisierter Sonnenhitze, aus Sternenstaub, um es lyrisch auszudrücken. Wahrscheinlich brauchte es mehrere dieser gewaltigen Ereignisse, um die Vielfalt an irdischer Materie zu erzeugen. Gold beispielsweise dürfte aus einer Kollision zweier Neutronensterne entstanden sein.  Wie man es auch dreht und wendet: Wir entstanden aus den Schwestern jener funkelnden Lichtpunkten im Nachthimmel über uns. 

  

Gelesen, genickt, abgehakt und nach wenigen Tagen vergessen. So gehen wir Wesen des hektischen 21. Jahrhunderts mit wissenschaftlichen Erkenntnissen um. Ja, müssen umgehen - zu viel ist los, Minute für Minute. Und vergessen ganz schnell wieder, woher wir gekommen sind, wo und was wir sind und wie daher langfristig unsere Zukunft aussehen könnte?

Hier leiden wir Tag für Tag an einem Handicap: Wir sehen unsere Herkunft nicht mehr. Sie verschwindet einfach, Nacht für Nacht. Das Licht von Millionen Straßenlampen, Autoscheinwerfern und LCD-Lichtern macht die Nacht zum Tag, und verbirgt den Himmel. Anstatt funkelnde Sterne als tausend Lichtpunkte auf schwarzem Samt in zufälliger, aber prachtvoller Anordnung am Himmel zu sehen, sehen wir nur einige fahle Pünktchen am grauen Nachthimmel. Das beeindruckt niemanden, ist uncool. Unsere Gefühle springen nicht an und ähneln so Nachfaltern, die gefangen um eine Straßenlaterne kreisen. Kein "gestirnten Himmel über mir" (Kant), der zum Nachdenken anregt.

 

 

Ein Tipp, um die Weite und Tiefe unseres Daseins zu erfassen: raus aus den Lichtkegeln, aufs Land, in die Berge oder im Winter in den hohen Norden. Dort, wo man das Band der Milchstraße wieder sieht. Nehmen Sie einen Feldstecher oder ein kleines Fernrohr und betrachten den Mond in den Tagen seiner halben Phase. Schauen Sie auf den Übergang zwischen hell und dunkel, auf die Grenze zwischen Tag und Nacht. Der Übergang lässt die Oberfläche des Mondes dreidimensional hervortreten: Täler, Krater und Berge sind zu sehen, man spürt den Raum.

Suchen Sie den Jupiter - es gibt Apps am Handy, die genau seine Position anzeigen. Erleben Sie, was Galilei gefühlt haben muss, als er zum ersten Mal das neu konstruierte Fernrohr auf den Jupiter richtete: dieser Riesenplanet hat vier große Monde (und noch 60 kleinere), die ihn umkreisen. Alles sieht aus, als wäre es ein eigenes Sonnensystem. Für Galilei lag eine Erkenntnis auf der Hand: "La terra gira atorno al sole! Il sole è il centro dell' universo !", die Erde kreist um die Sonne! Die Sonne ist das Zentrum des Universums. Das erschütterte die damalige Weltsicht, auch wenn sie nur teilweise richtig war - die Sonne ist nicht das Zentrum des Universums.

Finden Sie M31, ein kleiner Nebelfleck, unsere Nachbargalaxie. Wenn Sie M31, Andromeda, erblicken, treffen genau in diesem Moment Photonen, die von Sonnen in Andromeda erzeugt worden waren, auf Ihre Netzhaut - ein Gruß aus der Nachbargalaxie, abgeschickt vor zweieinhalb Millionen Jahren. Dies war eine Zeit, in der unsere Vorfahren immerhin schon aufrecht gingen.

Andromeda rast auf uns zu. Irgendwann in Milliarden Jahren werden beide Galaxien zusammenstoßen und ineinander aufgehen. Der Nachthimmel über der Erde wird sehr hell werden. Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere oder Menschen wird die Erde jedoch längst nicht mehr beherbergen. Wenn dieser letzte Satz sich unangenehm anfühlt, dann könnte er einen Impuls liefern, das eigenen Lebens besser wahrzunehmen und es in der Folge intensiver leben.

 

Reinhard Neumeier, Juli 2013

 

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