Eindeutig Ich. Hab mich in den Unterarm gezwickt. Ich! Und das sind MEINE Hände und das MEINE Beine. Jeder kennt dieses Gefühl des Selbstseins, des Grundgefühls unseres Daseins. Nichts Besonderes eben. Genau so empfinden Sektierer, Religionsgründer, Päpste, Ajatollahs, heilige Lamas, Dichter und Philosophen. Seit jeher haben sie auf diesem Urgefühl gelegentlich sehr windschiefen Gebäude aus Illusionen gegründet. Und daraus harten Regeln für die Menschen abgeleitet. 

Der Haken daran: das stimmt nicht! Psychologen und Biologen berichten anderes. Das Urgefühl eines stabilen und gleichförmigen Ich trügt. Der Mensch lebt und gedeiht als Ansammlung von Billiarden Minilebewesen. Diese große Ansammlung schwankt und verändert sich, ohne dass wir dieses Geschehen durchschauen. Warum? Nun, jeder einzelne Mensch besteht 

  1. aus unzählbar vielen, ehemals selbständigen Minilebewesen,

  2. aus Myriaden winziger, auch jetzt noch selbständiger Minilebewesen mit teilweise eigener (!) DNA,

Jeder Mensch kommt als ein Riesenkollektiv von Mikroorganismen daher. Teils unterjocht und gebändigt, teils freiwillig auf ihm oder in ihm lebend. Jeder Mensch ist ein Flickenteppich.

 

 

Sie sind die heimlichen unheimlichen Beherrscher der Erde. Sie, die Viren, Urbakterien und Bakterien. Viele dieser Kleinlebewesen sehen Menschen als einen gigantischen Leckerbissen, einen Wolkenkratzer aus Lebkuchen – zum Auffressen süß! Andere Mikroben jedoch haben gelernt, uns langfristig zu nutzen, wie man Plantagen nutzt: Um Nahrung zu finden, sich zu verstecken oder sich zu vermehren. Umgekehrt nutzen wir nutzen diese Kleinlebewesen auch. Mehr noch - wir könnten ohne sie nicht leben.  

Die Zahl der 'Fremden', mit denen Menschen das Leben bewältigen, geht ins Unermessliche: In einem Fingerhut Speichel finden sich bis zu einer Milliarde Mikroorganismen, eingeteilt in 600 unterschiedliche Arten. 180 Arten von Mikroben leben allein auf der Haut eines erwachsenen Menschen (absolut sind dies eine Billion Winzlinge). Alles in allem steht es ungefähr 1 zu 10: Durchschnittlich sieht sich jede Körperzelle mit zehn Mikroben konfrontiert.

Was tun diese fremden Winzlinge auf uns und in uns? Nun, sie zerlegen im Darm die aufgenommene Nahrung, so dass wir die Nährstoffe aufnehmen können; sie produzieren wichtige Vitamine und lebensnotwendige Fettsäuren, stärken das Immunsystem und wehren gefährliche Krankheitserreger ab. Sie leben auf der Hautoberfläche, ernähren sich von abgestorbenen Hautzellen und bilden dadurch eine zusätzliche, die menschliche Außenhaut schützende Schicht, ... 

Folgerung: Der Mensch ist biologisch gesehen kein auf einmal 'Geschöpftes'. Jeder Mensch gleicht einem dynamischen Gebilden aus dichtem Leben, entsprechend einem wandelnden Planeten, deren hauchdünne, nebelartige Atmosphäre oder innere Höhlungen mit Winzlingen vollgesogen ist. Ihre Präsenz wirkt im Großen wie im Kleinen: Ein Fehlen bestimmter Mikroben kann Fettleibigkeit bewirken oder zu Krebs führen; ein Zuviel an Bakterien lockt im Sommer stechwütige Insekten an. Kurz: Mikroorganismen leben in enger Symbiose mit uns und wir mit ihnen. Biologisch existieren wir als dynamischer Zusammenschluss vieler eigener und fremder Kleinlebewesen. Diese Erkenntnis ist Gift für traditionelle Religionen, denn sie zerstört die Anschauung vom Menschen als Ergebnis einer einmaligen Schöpfung.

 

Reinhard Neumeier, Juli 2013

 

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