Jeder hat aufgrund seines spezifischen Lebens, seiner Sozialisierung, seiner privaten und beruflichen Erfahrungen bestimmte Einstellungen erworben, die andere als verzerrt und wenig objektiv empfinden. Jeder, natürlich auch der Forscher und Wissenschaftler. Dies gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Wissenschaftsfächer. Sie sind menschengemacht und haben ihre Paradigmen (leitende Beispiele), die sich im Laufe der Zeit ändern. All dies ist unvermeidlich.

Der wissenschaftliche Forschungsprozess jedoch ist so angelegt, dass Verzerrungen auf den Prüfstand kommen. Sowohl im Kleinen und eventuell sofort (in einzelne Studien) als auch im Großen später (in einem Fach nahezu insgesamt, wenn etwa eine Forschergeneration einem Paradigma nachläuft, das die Folgegeneration als wenig zielführend erkennt).

Betrachten wir die Verzerrungen "im Kleinen". In der Statistik spricht man bei Verzerrung in einzelnen Studien von einem Bias, einem systematischen Fehler. Dieser Bias gibt den Ergebnissen einen unberechtigten Drall. Um einen möglichen systematischen Fehler früh zu erkennen oder überhaupt zu vermeiden, sind Forscher dazu angehalten, ihre Annahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu überprüfen und ihre angewendeten Methoden zu diskutieren.

 

 

 

Dieses Suchen nach unterschiedlichen Blickwinkeln ist einer der ersten Schritte beim Verfassen von Forschungsarbeiten. Bereits am Anfang gilt es, bisher erarbeiteten Lösungen für das zu untersuchende Problem in der Fachliteratur aufzuspüren. Meist findet man verschiedene Lösungsansätze. Ansätze, die einander manchmal ergänzen, oft widersprechen. Aufzufinden sind differierende Theorien, die von differierenden empirischen Daten gestützt werden. Dieser uneinheitiche Befund - elegant state of Research, Forschungsstand, genannt - bestürzt zunächst. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und später erkennt man, dass diese unterschiedlichen Meinungen ein zentrales Merkmal wissenschaftlicher Forschung sind.

Ein nie endender Wettbewerb konkurrierender Konzepte verringert menschliche Verzerrungen wesentlich. Der angehende Master oder der Doktorand lernt, den Forschungsstand - egal, ob in einer größeren Forschungsarbeit oder in einem Fachartikel - samt ihrer unterschiedlichen Annahmen und Folgen darzustellen. Er übt dies über Monate und Jahre. Er/Sie erwirbt mittels dieser traditionellen wissenschaftlichen Vorgehensweise eine Methode, die ihn/sie vor in den sozialen Netzwerken provozierten unkontrollierten Emotionen schützt. Siehe auch nächste Folge dieser Serie.

 

Reinhard Neumeier, Februar 2018

 

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