Folgender Essay ist ein Jahrzehnt alt + leider nach wie vor hochaktuell + vielleicht noch für die Kinder der jetzigen 9- bis 10-Jährigen relevant.

In jedem Abschlusssemester in der vierten Klasse Volksschule wiederholt sich dasselbe Drama: die Noten sind ausschlaggebend für den Weg ins Gymnasium oder in die Hauptschule. Noten von 1-2 sind entscheidend für gute, Noten von zwei abwärts für schlechte Chancen im Bildungsweg und damit für das zukünftige Leben - und das bei 9-Jährigen nach vier Jahren Schulzeit! Tapfere Kinder, die wir da in den Krieg schicken. Und alle müssen über die Klinge springen, es geht ums Gewinnen oder Verlieren.

Pädagogische Ziele wie individuelle Entwicklungszeiten, Solidarität und Freundschaft untereinander, Schule als Ort der Kommunikation und Integration sind außer Kraft gesetzt – jetzt gilt: Wer ist besser, wer ist schlechter:

Die letzten Schularbeiten, Noten und Chancen rücken näher, Spannung und Sorgen steigen, Eltern sind nervös, Kinder und LehrerInnen werden unter Druck gesetzt, die Angststimmung in den Familien steigt, Kinder werden in privaten Lernmarathons trainiert (wer kann denn Positives leisten unter derartigem Druck?). Alles auf Kosten von Beziehung, Wohlwollen und Liebe zu den Kindern. Es beschäftigt alle bis in den Schlaf – und schafft unruhige Nächte.

Dann steht die Note fest. Kinder und manchmal auch LehrerInnen weinen, Eltern sind enttäuscht, verzweifelt und reagieren ihren Frust an den Kindern oder Partnern ab. Der Konflikt eskaliert: „Das Semesterzeugnis in der 4. Klasse ist existenzentscheidend!“ Aussage eines Lehrers vom Schulschiff, Wien. Die Chancen im Leben der Kinder werden mit 9 Jahren fixiert, und schlechte Bildungswege sind später schwer aufholbar. Lasst alle Hoffnung fahren! Warum tun wir uns das an?

 

Österreich leistet sich eines der teuersten Schulsysteme Europas. Doch die Ergebnisse sind niederschmetternd: traumatisierte SchülerInnen, Verliererstatus mit 9 Jahren - doch wer mag schon Versager? Gestörte Beziehungen zwischen enttäuschten Eltern und unglücklichen Kindern, Vernichtung vieler Begabungen, die keine Zeit hatten, sich zu entfalten, irreparable Lerntraumata, die lebenslang anhalten und an die nächste Generation weitergegeben werden, Ausgrenzung von Kindern garantiert Frust-, Resignations- und Aggressionspotenziale für das spätere Leben als Jugendliche und Erwachsene. 

Auf der Seite der VolksschullehrerInnen gibts Burnouts infolge eines unmöglichen Berufs einerseits, der Einfühlung, Begeisterungsfähigkeit und Achtung vor den Persönlichkeiten der Kinder einfordert, und andererseits die aufgebaute Beziehung in der 4. Klasse mit einer (Lebens-) Verurteilung beendet. LehrerInnen als VerräterInnen – wem hat das Kind vertraut? Welcher Mensch hält so was beruflich längere Zeit aus?

Niemand will diesen Krieg. Lernen und Bildung sind die mächtigsten Integrationskräfte in unserer Gesellschaft. Wir missbrauchen sie als Kampfplatz. Wer macht diesen Krieg? – das Schul- und Bildungssystem? Die Betroffenen leiden, wir ändern es nicht! Wir sind das System.

Dr. Klaus Rückert,

Jänner 2009

Psychologe und Psychoanalytiker, seit 35 Jahren im Bildungsmanagement tätig, Leiter der ARGE Bildungsmanagement Wien