Willkommen im Mittelalter. Reihen Sie sich ein in die Wissenschaftszunft und suchen Sie als Lehrling, als Neuling im Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten einen Meister. Legen Sie Ihr bisheriges Selbstbewusstsein ab und treten Sie ein in den universitären Betrieb. Als Frischling - auch wenn Sie bereits Jahre an einer öffentlichen oder privaten Uni brav und gut, vielleicht sehr gut Ihre Prüfungen gemacht hatten, alle Prüfungen und Tests. Es fehlt nur mehr die Diplomarbeit. Was heißt nur mehr - an diesem Nur-Mehr scheitern viele und geben sogar das Studium auf -  perdü, verloren sind die vergangenen Lernjahre.

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Und warum? Weil der universitäre Betrieb seinem Humboldt'schen Auftrag der Lehre UND Forschung nicht mehr gerecht wird. Es nicht mehr kann, weil kein Geld vorhanden, weil zu viele Studenten zu wenigen, oft schlecht bezahlten und wenig Zeit habenden Assistenzprofessoren gegenüberstehen. Fakt ist, dass die fertig Abgeprüften auf einem neuen Gebiet eine Meisterleistung erbringen müssen. Auf einem Gebiet, das ihnen fremd ist, dem Bereich des echten Forschens, einer seriösen und gekonnten wissenschaftlichen Forschung. Das ist ein kompliziertes Tun und man braucht Jahre, um sich darin halbwegs auszukennen.

 

Also sind Sie nun Lehrling. Im ersten Lehrjahr. Und sollen - nach dem Gesetz - in sechs Monaten eine reife Masterarbeit abliefern. Und müssen sich einen Betreuer suchen, bei dem Sie in die Lehre gehen. Von dem Sie vollkommen abhängig sein werden - in seiner Auffassung, was Wissenschaft ist, in seinem persönlichen Stil, in der Quantität und Qualität seiner Betreuung, in der Bewertung und Benotung Ihrer Arbeit. Willkommen in der bizarren Welt des mittelalterlichen Lehrling-Meister-Systems.

 

Händler in der nun zerstörten Altstadt von Aleppo

 

Es läuft oft gnadenloser als in der traditionellen Handwerkszunft. Denn Sie werden keine Zeit haben, langsam und stetig die kreative Tätigkeit  wissenschaftlichen Erforschens kennenzulernen, um nach drei oder vier Jahren Geselle mittels eines Gesellenstückes zu werden. Nein, an den heutigen Unis läuft es anders. Die Verbindung von Forschung und Lehre - gleich vom ersten Semester an - gilt für den heutigen Uni-Betrieb nicht. Es wird gelehrt, nein gepaukt. Stoff wird den Studenten eingetrichtert und abverlangt. Geforscht wird abseits der Studenten. Geforscht wird von ehrgeizigen und strebsamen Assistenz-, außerordentlichen und Honorar-Professoren mit ablaufenden Zeitverträgen. Publish or perish: veröffentlichen oder untergehen! Dazu noch so 'Nebensächlichkeiten' wie Gutachten erstellen und Dritt-Mittel-Einwerben. Parallel dazu soll jeder Prof 100 oder 150 Studenten das Handwerk des Forschens beibringen?

Einfach lächerlich! Ein glatter Systemfehler!

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Schlaflose Nächte, Magenweh, angeknacktes Selbstbewusstsein, ein durchgehendes Gefühl des Nichtkönnens und Versagens: So fühlt sich die Wirklichkeit eines Diplomanden, eines Master-Aspiranten an. Der ansatzlos von Null auf Hundert kommen soll. Der innerhalb kürzester Zeit eine tiefschürfende wissenschaftliche Leistung in Form eines neuen Wissens vorweisen soll. Der aus dem Stand eine Meisterleistung, eben eine Meister-Arbeit abliefern soll.

Willkommen im neo-mittelalterlichen Universitätssystem des 21. Jahrhunderts!

 

Reinhard Neumeier, September 2016

 

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