Spät hatte ich in einer Web-Serie über Wissenschaft daran gedacht, Betriebswirtschaftslehre (BWL) aufzunehmen. Seltsam, warum ordne ich BWL nicht sofort in die Kategorie Wissenschaft? Mein erstes Studium vor 40 Jahren war doch dieses Fach gewesen. Gerade in jener Zeit, als die Wiener Hochschule für Welthandel in Wiener Wirtschaftsuniversität umbenannt worden ist. Weil - wie die Namensänderung kundtun sollte - aus einem Unterricht in kaufmännischen Methoden eine Wissenschaft geworden war.

 

 

Ich hoffe, meine Erinnerungen idealisieren nur wenig, jedenfalls berichten sie: Die Professoren und Assistenten der Hochschule forderten uns auf, kritisch zu sein und nicht alles unhinterfragt zu schlucken. Aussagen und empfohlene Regeln sollten vor dem Hintergrund jeweiliger theoretischer Modelle stehen. Genau so wie wissenschaftliches Vorgehen sein sollte.

Und jetzt?

Aus und vorbei ist es mit der Zeit und dem Freiraum zum kritischen Selber-Denken. Zumindest das Bachelor-Studium hat den universitären Charakter verloren und ist überwiegend zu einer Abfolge von Drilljahren geworden. Die Universität mausert sich zu einer höheren Lehranstalt. Beigebracht wird Business, das Geschäftig-Sein, wobei das Methoden- und Rezepte-Vermitteln im Vordergrund steht. Die Universität hat sich der Managementpraxis angepasst.

In der Praxis dominieren die englischsprachigen Vokabeln. Viele dieser Management-Begriffe enthalten bereits einen indirekten Befehl, etwas so machen zu müssen und nicht anders. Und Nachteile des jeweiligen Konzeptes? Wie bittte,  N a c h t e i l e?  Zweifeln ist Zeitverlust, schnelles Nachahmen ist das Ziel.

Der amerikanische Stil des Vereinfachens wird als ein Auf-den-Punkt-Bringen internalisiert. Diskussionen erübrigen sich. In der Praxis wird im Halbjahresrhythmus eine unausgegorene Idee nach der anderen als quiekende Sau durch das Management-Dorf gejagt. Und lässt den oft nicht so schlechten Grundideen keine Zeit heranzureifen.

Aus einer Hochschule für Welthandel war eine Wirtschaftsuniversität geworden, die eine Generation später de facto in eine berufsvermittelnde Mittelschule downgegradet wurde. Vielleicht begehrt in einigen Jahren eine neue Generation auf und es darf im Rahmen einer Hoch-Schule für Management wieder diskutiert und somit Science vermittelt werden. Dann könnte sich sich ein Kreis schließen.

Reinhard Neumeier, Jänner 2018

 

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